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Das neue Evangelium

Der Film hat mich sehr beeindruckt, sowohl von der Thematik als auch seitens der Machart. Ich erkannte im Film das, was ich in jeder Predigt versuche: den biblischen Jesus ins heute zu übersetzten. Mit übersetzen meine ich zum einen, einen Zugang zur biblischen Sprache zu verschaffen. Mit übersetzen meine ich jedoch auch, die biblischen Gestalten und Symbole der antiken Welt in die Welt des 21. Jh. über-zu-setzten, sie in die heutigen Kontexte zu setzen, ihren Sitz im Leben der Menschen in der Surselva zu ergründen.

Genau das ist dem Regisseur Milo Rau sehr gut gelungen. Er hat es verstanden, Jesus für seine Reich-Gottes-Botschaft in eine Umwelt des 21. Jh. zu setzen, wo ähnliche Umstände herrschen wie im damaligen Jesus-Umfeld. Der Jesus des „neuen Evangeliums“ tritt inmitten der Ghettos in der italienischen Kulturstadt Matera auf, wo Migranten unter unmenschlichen Bedingungen leben und arbeiten, traumatisiert durch Erfahrungen von Krieg und Flucht, ausgebeutet und versklavt – und das mitten in Europa. Auf eine bemerkenswerte Art und Weise ist es Milo Rau gelungen, Realität und Fiktion zu verbinden, wobei eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm entstanden ist. Schon allein dadurch hat der Film mich immer wieder aufs Neue angespornt, dran zu bleiben, mitzugehen und mitzudenken.

Eines hat mich jedoch ganz besonders überrascht. Nach dem Film wurde der Regisseur über Zoom zugeschaltet. Moderatorin und Zuschauer:innen hatten die Möglichkeit, ihm Fragen zu stellen. In dieser Diskussionsrunde stellte sich heraus, dass Rau Atheist ist. Diese Tatsache hat mir einmal mehr gezeigt, dass Gottes Geist nicht bekennenden Christen vorbehalten ist. Vielmehr spricht und zeigt er sich in der Welt durch jeden Menschen «guten Willens». Dies ist übrigens bereits im «alten Evangelium» erkennbar.

Flurina Cavegn-Tomaschett, Pastoralassistentin

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