Überspringen zu Hauptinhalt

Pflicht oder Pflege?

Der Begriff der «Sonntagspflicht» hat mich schon immer gestört. Damit gemeint ist, dass jede getaufte Person verpflichtet ist, am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen. „Pflicht“ – das tönt in meinen Ohren nach Zwang, nach einem Muss. Viel lieber spreche ich von einer «Sonntagseinladung». Jesus lädt uns ein, seinen Tag mit ihm zu feiern – eine Einladung, die dem Leben dient.

Das Wort «Pflicht» ist seit Ausbruch der Pandemie vor allem in anderen Kontexten als dem der Christenpflicht zu hören. Wir sind dazu verpflichtet eine Maske zu tragen, uns zu registrieren, uns mit einem Covid-Zertifikat auszuweisen. Scheinbar stören sich auch hier viele Menschen an diesem Begriff; manche sehen sich ihrer Freiheit beraubt und plädieren für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung.

Ein Text des Benediktinerpaters Anselm Grün hat mich überzeugt, mein Empfinden über den Pflichtbegriff etwas zu revidieren. In einem Impuls über das «Pflichtbewusstsein“ schreibt er:

«Das Wort ‘Pflicht’ steht heute nicht hoch im Kurs. […] Heute spricht man lieber von Verantwortungsbewusstsein. Dabei hat die Sache – und das Wort von seinem Ursprung her – gar nichts Martialisches oder Hartes an sich. Pflicht kommt eigentlich von «pflegen». Und die ursprüngliche Bedeutung von pflegen ist: für etwas einstehen, sich für etwas einsetzen. […] Wenn ich Pflicht als ‚Sorge für etwas‘ verstehe, als ‚etwas hegen und pflegen‘, dann hat sie auf einmal wieder eine positive Bedeutung. In der Pflicht sorge ich dafür, dass das Leben gelingt, dass das, was notwendig ist, erledigt wird. Das dient dem Leben.» (Das kleine Buch vom guten Leben S. 162)

Pater Anselm Grün hat diese Gedanken nicht in Bezug auf die Pandemie geschrieben, sondern bereits vor 16 Jahren. Sie erscheinen mir jedoch hochaktuell und hilfreich – sowohl im Umgang mit dem Sonntag als auch mit der Pandemie. Pflicht bzw. Pflege, die dem Leben dient.

Flurina Cavegn-Tomaschett, Pastoralassistentin

An den Anfang scrollen